Leseprobe
Der bunte Hund von Bergmannsglück
Ein Kioskbetreiber und seine Gemeinde
Unter dem Regal mit der Marmelade stehen die Brühwürstchen. Große, kleine, dicke, dünne – bei „Ali Baba“ bekommt beinahe jeder was er mag. Ob Mehl oder Miracoli, Zucker oder Zigaretten, Deodorant oder Dauerlutscher, der kleine Kiosk hat auf wenigen Quadratmetern das Sortiment eines ganzen Supermarktes untergebracht.
„Wir verkaufen einfach alles, was die Leute beim Einkaufen vergessen haben könnten“, erzählt Semi. Einen Nachnamen, den hat er nicht. Zumindest nicht hier in der Siedlung. Da ist er für alle nur der Semi, der fast alles kann und beinahe alles hat.
Der gebürtige Istanbuler steht hinter seiner kleinen Theke. Im Rücken die Zigaretten, die Brötchen vor der Brust. Mit sechs Jahren kam er nach Deutschland. „Alle Züge nach Deutschland gingen damals von Istanbul aus. Und meine Eltern sind auf einen der fahrenden Züge einfach aufgesprungen“, grinst der dunkelhaarige Mann mit dem Drei-Tage-Bart. Rasiert hat er sich heute extra nicht. Der Originalität wegen. „Soll ja nach Arbeit aussehen.“
Mit ihrer Migration waren Semis Eltern vor sechsunddreißig Jahren eigentlich spät dran. Am 31. Oktober 1961, zur Zeit der industriellen Blüte und so genannter „Vollbeschäftigung“, war bereits das Anwerbeabkommen mit der Türkei unterschrieben worden. Denn noch 1060 wurden bei den Arbeitsämtern über eine halbe Million freier Stellen gemeldet. Nach den Italienern, den Spaniern und den Griechen folgten etwa sechs Jahre später auch die ersten Türken dem Ruf der Bundesrepublik Deutschland nach mehr Arbeitskräften. Denn es bestand echter Bedarf. Vor allem, als durch den Mauerbau keine Flüchtlinge aus der DDR mehr ins Land kamen. Im ersten Schwung kamen rund 2500 Türken nach Deutschland und unterstützten vor allem im Ruhrgebiet das deutsche Wirtschaftswunder. Ursprünglich war geplant, die Gastarbeiter nach einem Rotationsprinzip nach Deutschland zu holen. In der Regel sollten zwei oder drei Jahre bleiben und dann wieder in die Heimat zurückkehren. Doch viele von ihnen blieben und holten ihre Familien nach. Am 10. September 1964 kommt der Millionste Gastarbeiter im Zug in die Bundesrepublik gereist. Auf dem Kölner Hauptbahnhof wurde er mit Medienrummel begrüßt und bekam als Willkommensgeschenk ein Moped geschenkt. Und einen Strauß Blumen. Die Gastarbeiter aus fernen Ländern wurden von Politik und Wirtschaft als regelrechte Heilsbringer empfunden. Bis in die siebziger Jahre kamen so über fünf Millionen Gastarbeiter nach Deutschland. Besonders im Ruhrgebiet prägten sie das gesellschaftliche Bild. Der Schriftsteller Max Frisch brachte die Situation bereits gegen Ende der sechziger Jahre mit seiner Aussage „wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“ auf den Punkt.
„Für 30 Cent Salmiakkugeln“, unterbricht ein Junge in einer weißen Jacke, der seine Mütze schräg auf dem Kopf trägt. Der letzte Schrei in der Siedlung.
Eigentlich war Semi Bergmann. „Wir alle hier kommen von der Zeche“, berichtet er. 1979 fing er auf Consol an. Dort arbeitete er als Mechaniker, nach einer Fortbildung dann als Sprengmeister. Aber die Tage des Bergwerks im Herzen des Stadtteils Bismarck waren gezählt. „Als die Zechen gestorben sind, haben wir umgedacht und uns etwas Eigenes aufgebaut.“
Aber was sollte das werden? „Wir haben ein Händchen für Geschäfte“, erzählt der türkische Einwanderer. „Ein Imbiss ging ja nicht. Döner und so, da hatte ich keine Ahnung von. Einen Kiosk zu betreiben, das konnte man schnell lernen. Man muss nur fleißig sein und ehrlich gegenüber der Kundschaft. Die Menschen müssen wissen, ich bin immer hier.“
Dass er mit seiner Trinkhalle an eine jahrhundertlange Tradition anknüpft, weiß er gar nicht. Die ersten Kioske gab es nämlich im osmanischen Reich und in Persien. Während der Belagerung Wiens standen unzählige vor den Toren der Stadt um die Truppen aus dem Osten zu versorgen. Zwar eroberten die feindlichen Soldaten nicht die Hauptstadt Österreichs, hinterließen aber ihre Spuren in Form von kleinen Verkaufsbuden. Parallel dazu fanden diese auch über die königlichen Gärten ihren Weg nach Europa. Einer der ersten wurde für die Anlagen Ludwigs II entworfen. Das Wort „Kiosk“ erzählt noch heute die Geschichte seiner osmanischen Herkunft. Es stammt ab vom türkischen Wort „Köşk“ (Gartenpavillon) und entwickelte sich über das französische Wort „Kiosque“ zum deutschen „Kiosk“.
Im Zuge der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hielten die kleinen Trinkhallen im Ruhrgebiet Einzug. Denn durch die harte Arbeit in staubiger Luft erhöhte sich der Flüssigkeitsbedarf der Männer enorm. Und da einfaches Kranwasser bakteriell belastet war, genossen die Arbeiter umso lieber und mit einer guten Ausrede ihr Bierchen „anne Bude“. Dies wurde durch die so genannten „Schnapsspenden“, die Zechen- und Fabrikbesitzer damals zahlten, noch verstärkt.
Bald waren Trinkhallen aus dem Ruhrgebiet nicht mehr wegzudenken. Etwa 18.000, so wird geschätzt, versorgen noch heute die Menschen im Revier mit Bier, Zeitungen und Zigaretten.
Ein kleines Mädchen betritt den Laden. Ein Ranzen auf ihrem Rücken erzählt, dass sie auf dem Schulweg ist. „Schatz, Mickey Mouse ist keine mehr da“, meint Semi, bevor die Kleine etwas sagen kann.
Vor einem Monat trennte sich Semis langjähriger Partner Ali aus gesundheitlichen Gründen von der Bude. Nach ihm war das Geschäft damals benannt worden, er war förmlich die Seele des Betriebs. „Ali hatte immer ein offenes Ohr und eine offene Antwort auf alles“, erinnert sich sein ehemaliger Geschäftspartner, dessen Füße nun in die großen Fußspuren seines Kompagnons von einst hinein wachsen müssen. Denn quatschen und klönen, dass kann er noch nicht so gut wie Ali. Ob bei Liebeskummer oder beruflichen Problemen, der kleine Türke hatte immer Rat gewusst. Er kannte Hausmittelchen gegen Krankheiten und Zipperlein oder verteilte Kochrezepte. „Ersetzen kann man den Ali nicht“, weiß Semi, der in Ömer schon einen neuen Inhaber gefunden hat. Denn sie müssen nicht nur einen Betrieb führen, sie müssen auch immer ein bisschen Sozialarbeiter sein, sich wie Pfarrer um ihre Gemeinde kümmern, die netten Türken von der Bude.
Das Telefon klingelt. Eine Bestellung. Semi schreibt mit. Dann läuft er durch den Laden und trägt alles zusammen. Später wird jemand die Ware der älteren Dame bringen, die sie vorhin telefonisch geordert hat. Ein Service des Hauses, der erledigt wird, wenn gerade mal wieder ein bisschen Zeit ist. Ein Angebot speziell für ältere Menschen, die sich nicht mehr selber versorgen können. „Die Jungen können selber laufen“, grinst der Türke.
Semis Tag ist lang und beginnt früh. „Um halb fünf bin ich hier und öffne den Laden. Dann werden hinten die Brötchen gebacken und belegt. Für die Frühschicht, die vor der Arbeit schnell ihre Besorgungen macht. Das geht so bis sieben Uhr. Bis acht geht der Schulbetrieb, danach kommen die Rentner.“ Nach einer kurzen Flaute um die Mittagszeit ist wieder eine Menge los im kleinen Kiosk. „Gegen neun Uhr abends geht es hier langsam zu Ende. Dann kommt die Mittagsschicht zurück und die Nachtschicht fährt zur Arbeit.“
Ausnahmsweise ist der Laden jetzt leer. Zeit für eine Zigarette. Das geht nicht oft. Geraucht wird vor der Tür. Neben der Eiskarte hängt ein Aschenbecher an der Wand. Über dem Eingang leuchten Reklametafeln. Sie berichten, dass bei „Ali Baba“ von der „Bravo Girl“ bis zur „Bild“ für jeden der richtige Lesestoff zu kaufen ist.
Semi ist still. Endlich muss er mal nicht reden. Die Gespräche sind nicht immer leicht. Denn wenn gerade nicht persönliches besprochen wird, dann wird in der kleinen Bude große Politik gemacht. Die Schlagzeile der Bild-Zeitung, die gut sichtbar auf der Theke liegt, lädt dazu auch den Letzten ein. Für Semi ist sie mittlerweile Pflichtlektüre: „Du musst die Überschriften lesen und die Texte überfliegen, dann kannst du hier mitreden.“ Es wird diskutiert, aber nicht diskriminiert. „Jeder darf hier offen seinen Standpunkt vertreten. In so einer Bude herrscht Meinungsfreiheit.“
Mit den Jahren sind die Buden-Betreiber mit der Siedlung zusammen gewachsen. „Man kennt die Leute seit Jahren, sieht die Kinder groß werden. Die kanntest du so gut, dass du schon früh wusstest, ob die später mal was werden. Wir haben auch immer auf unsere Kinder in der Siedlung geachtet. In Sachen Zigaretten und Alkohol und so.“
Sie sind immer für die Bewohner der Siedlung um die alte Zeche Bergmannsglück herum eingestanden. Wenn die Menschen ein Straßenfest machten, bekamen sie für die Tombola kleine Werbegeschenke von Firmen, die hier nur für den Zweck aufbewahrt werden. Wenn der Kindergarten ein Fest machte, spendete Ali zweihundert frische Brötchen. Als Dank malten ihm die Kinder ein Bild. „das hängt jetzt bei uns an der Wand. Wo gibt es so etwas schon“, ist sich Semi der Bedeutung der Trinkhalle in der Umgebung durchaus bewusst.
Gute Kunden bekommen sogar ein Geschenk zum Geburtstag: Einen Piccolo. Keinen gewöhnlichen, versteht sich. „Ali Baba“ steht da drauf. In dicker. Roter Schrift. Und die Telefonnummer. Für weitere Bestellungen. Wer ihn nicht überreicht bekommt, kann den Sekt aus tausend und einer Nacht aber auch kaufen. Gut gekühlt und für 1,60 Euro.
Semis kurze Pause wird unterbrochen. Zwei kleine Mädchen kommen in den Laden. Auf den Knien rutschen sie vor der Theke herum. Da stehen die Süßwaren. Fieberhaft überlegen sie, wie sie am besten ihr Taschengeld investieren. Weingummi, oder doch besser die Wundertüte?
Auf einmal steht ein kleiner Junge in der Trinkhalle. Kaum einen halben Meter misst der Kleine. Über den Tresen schauen kann er gar nicht. Semi kommt aus der Schwingtür, die die Kasse vor unberechtigtem Zugriff schützt.
„Zehn Bümsch“, nuschelt der Junge.
„Zehn Brötchen?“ fragt Semi zur Kontrolle.
Der kleine Mann schüttelt den Kopf. Der 42-jährige lacht. Er kennt den Jungen gut. „Der wohnt ein paar Häuser weiter und haut immer aus dem Garten ab. Dann kommt er zu uns, weil er weiß, dass er hier umsonst sein Wasser-Eis bekommt und geht wieder nach Hause“, erzählt er später.
„Sag noch mal. Was willst du?“
„Zehn Bümbüm.“
„Ah, zehn Bonbons. Zeig mal, wie viel Geld hast du denn?“
Der Kleine streckt Semi stolz die speckige Hand entgegen. Zwei Euro blitzen im Lampenlicht auf. Der Türke greift zu einer Papiertüte, in die er immer die Weingummis füllt.
„Das ist zu viel. Ich geb dir für einen Euro. Die anderen nimmst du mit. Für morgen.“
Zufrieden verschwindet das Kind.
Semi lacht. „Der ist gerade mal zwei Jahre alt und kann noch nicht einmal richtig sprechen. Aber bei Ali Baba einkaufen kommen, dass kann er.“
© 2008 K.Schmidt